von Daniel Pipes, National Review Online, 22. Juni 2010

Englischer Originaltext: The Left’s New Enemy: „Empire“
Übersetzung: H. Eiteneier

Wir wissen, was Marx, Lenin, Stalin und Mao wollten (staatliche Kontrolle über alles und jeden) und wie sie dieses Ziel erreichten (brutaler Totalitarismus); aber was wollen ihre Nachfolger heute und wie hoffen sie das zu erreichen? Das ist ein seltsam ununtersuchtes Thema.

Antworten bietet Ernest Steinberg von der Universität in Buffalo in einem die Augen öffnenden Artikel der letzten Ausgabe von Orbis: „Purifying the World: What the New Radical Ideology Stands For.“ (Die Welt reinigen: Wofür die neue radikale Ideologie steht.) Er beginnt damit, dass er umreißt, wogegen die extreme Linke (im Gegensatz zur „anständigen Linken„) sich stellt und was sie will.

Wogegen die Linke ist: Der Hauptfeind ist etwas, das „Imperium“ genannt wird (im Englischen ohne bestimmten Artikel), ein angebliche globaler Monolith, der die Welt dominiert, ausbeutet und unterdrückt. Sternberg fasst die alles umfassende Anklage gegen das Empire zusammen:

Die Menschen leben in Armut, Lebensmittel sind kontaminiert, die Produkte künstlich, es wird verschwenderischer Konsum erzwungen und die Natur selbst wird zersetzt. Eindringende Spezien greifen um sich, Gletscher schmelzen und die Jahreszeiten werden aus dem Lot gebracht, womit eine Weltkatastrophe droht.

„Empire“, der Schlüsseltext des Linksfaschismus.

Das Imperium erreicht seine Ziele über „Wirtschaftsliberalismus, Militarismus, multinationale Konzerne, die Massenmedien und Überwachungstechnologien“. Weil der Kapitalismus Millionen Tote verursacht, was ein nicht kapitalistisches System eliminieren würde, ist er auch des Massenmordes schuldig.

Die Vereinigten Staaten sind natürlich der Große Satan, dem das Horten unverhältnismäßig vieler Ressourcen vorgeworfen wird. Ihr Militär unterdrückt die Armen, damit ihre Konzerne diese ausbeuten können. Ihre Regierung wirbt mit der angeblichen Gefahr des Terrorismus, um im Ausland aggressiv vorgehen und im Inland unterdrücken zu können.

Israel ist der Kleine Satan, der dem Imperium als finsterer Verbündeter dient – oder vielleicht ist der jüdische Staat in Wirklichkeit der Gebieter? Von den Treffen des Weltsozialforums in Brasilien bis zur Antirassismus-Konferenz der UNO in Durban und von den großen Kirchen bis hin zu den NGOs wird der Zionismus als das absolut Böse dargestellt. Warum Israel? Jenseits von nicht allzu subtilem Antisemitismus lebt von den westlichen Staaten einzig Israel unter einem Trommelfeuer ständiger Bedrohungen, wodurch es im Gegenzug gezwungen ist ständig Krieg zu führen. „Aller Zusammenhänge entkleidet“, vermerkt Sternberg, „passt Israels Handeln in das notwendige Image eines Aggressors.“

Um die überlegenen Ressourcen des Imperiums zu bekämpfen, muss die Linke sich mit jedem verbünden, der auch dagegen kämpft – insbesondere den Islamisten. Die Ziele der Islamisten widersprechen denen der Linken, aber egal; so lange die Islamisten das Imperium zu bekämpfen helfen, haben sie einen geschätzten Platz in der Koalition.

Was die Linke anstrebt: Ein Schlagwort ist Authentizität: Imperien machen indigene Kulturen demnach zu gefährdeten Arten. Kultur sollte indigen, organisch und vor dem krassen Kommerzialismus (z.B. Hollywood), seinem falschen Rationalismus und seinen falschen Freiheitskonzepten geschützt sein.

Ein zweites Schlagwort ist Demokratie: Die Linke lehnt die ferne und formalistische Struktur einer reifen Demokratie ab und feiert stattdessen eine nicht hegemoniale Basisdemokratie, die mehr direkten Einfluss bietet. Der demokratische Prozess, erklärt Steinberg, „wird über Treffen vorankommen, die frei von den manipulativen Zügeln von Gesetz, Verfahren, Präzedenzfällen und Hierarchien sind“. Diese hochfliegenden Worte verschleiern allerdings ein Rezept für Despotismus; diese Gesetze, Verfahren und Hierarchien haben einen sehr realen Sinn.

Die Geschichte hat offensichtlich nicht geendet.

Ein drittes ist Nachhaltigkeit: Um Wirtschaften in das Ökosystem der Welt zu integrieren, wird die neue Ordnung „mit alternativen Energien, organischer Landwirtschaft, lokalen Lebensmittelmärkten und Industrie mit geschlossenen Kreisläufen betrieben, wenn Industrie denn gebraucht wird. Die Menschen werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen oder Autos fahren, die mit der Erde sanft umgehen oder noch besser: Fahrrad fahren. Sie werden in grünen Häusern leben, die aus Material vor Ort gebaut wurden und in Städten, die innerhalb von Bioregionen organisch wachsen. Das Leben wird von Karbon-Emissionen befreit sein. Es wird ein dauerhafter, friedfertiger Lebensstil sein.“

Der Sozialismus formt definitiv einen Teil dieses Bildes, aber die Wirtschaftslehre dominiert nicht länger, wie sie es früher tat. Das neue linksextreme Ziel ist komplexer als purer Antikapitalismus; es bildet einen kompletten Lebensstil. Sternberg nennt diese Bewegung „Weltpurifikationismus“, ich aber bevorzuge Linksfaschismus.

Dann stellt Sternberg die entscheidende Frage: Wird die jüngste Inkarnation der Linken einmal mehr totalitär werden? Er findet, es ist zu früh, um eine definitive Antwort zu geben, zeigt aber mehrere „Warnschilder des Totalitarismus“ auf, darunter die Entmenschlichung der Feinde und Massenmord-Vorwürfe. Er warnt vor einem Wendepunkt, an dem die Linksfaschisten „ihre Katastrophen-Rhetorik wahr machen und sich Selbstmord-Gürtel umschnallen oder zu den Waffen greifen, um Märtyrer zu werden“. Mit anderen Worten: Die Gefahr ist real und gegenwärtig.

So viel zu den modischen Theorien von vor zwei Jahrzehnten – hinaus posaunt, als die Berliner Mauer fiel – über ein Ende der Ideologie. Die Linke hat sich nach dem Fall des Leninismus in neuen Gräben verschanzt und bedroht die Menschheit mit einer neuen Version ihrer antiwestlichen, antirationalen, antifreiheitlichen, antiindividualistischen Ideologie.