Alles strömt, alles fließt nach Berlin, die Boomtown-Ratten besetzen das sinkende Schiff. Als ob es im Puff Freibier gäbe, treibt es die Amüsierwilligen aller Herren Länder zu Tausenden an die Spree.
Nun ist der Puff sicher eine feine Sache, gelegentlich, doch würde kein noch so begeisterter Stammfreier dort einziehen. Warum also wohnen Menschen in Berlin?
Finden sie Normalität an sich scheiße? Also mit dem Öffi reisen, ohne angebardet zu werden, ohne sich die schwärenden Wunden der Mitreisenden ansehen zu müssen, während deren Köter in den Wagon scheißen, finden sie das alles zu öde?
Ja, Kassel bietet das natürlich nicht. In kaum einer anderen Stadt als Berlin kann man sich auch, verranzt und arbeitslos wie man ist, jahrelang aufs Trottoir hocken und behaupten, man sei ein Drehbuchautor.
Keine andere Stadt in ganz Europa bietet der eigenen Lebenslüge so wenig Widerstand.
Schauspieler drehen den Dönerspieß in Friedrichshain, verkannte Filmregisseure schleppen den Cappuccino über die Kastanienallee, eine ganze Stadt voller Kreativer qua Selbstdiagnose.
Nirgends scheint auch der Weltruhm so greifbar nah, wohnen dann nicht auch Brad Pitt und Angelina Jolie fast im nämlichen Kiez? Und träfe man sie dort beim Billigtürken, reichte ein hingeworfenes: „Ich bin übrigens Drehbuchautor“, und schon stände einem die Welt des Glamour offen wie ein Scheunentor. Und dann sind da noch die Filmdrehs an jeder Ecke von Berlin.
Hier kurbelt Tom Cruise am Bendler-Block den 20. Juli runter, zwei Straßen weiter entsteht schon wieder eine Telenova. Ist das nicht Irre?! Wahnsinn! Boomtown Berlin!
Doch bedenke stehts, dass auch im damaligen Jugoslawien jede Menge Karl-May-Filme gedreht wurden, ohne irgendwelche Spuren aufkeimenden Wohlstands am Drehort zu hinterlassen.
Bullshit, sagen jetzt 3000 Storyboardentwickler, die gerade einen schweinegünstigen Latte macchiato in sich reinschütten, Berlin boomt, du spürst es irgendwie, alle sind total crazy drauf, und der Thekenlurch in der Paris-Bar heißt Beverage Consulter.
Hey, das ist Weltniveau: einholen ohne zu überholen, wie man in der Hauptstadt der DDR die Lebenslüge nannte.
So ist dem auch kein Wunder, das es in Berlin Menschen gibt, die entgegen der Lügen die Wahrheit sprechen. Doch weil nicht sein kann was nicht sein darf, gibt es genügend Möchtegernpolitiker von der SPD, den Grünen und der Linken die die Wahrsprecher – wider besseren Wissens – verklagen, und zwar wegen mehrfacher Volksverhetzung, weil alles andere unter den Begriff Bagatelle fallen würde und auch keine Strafe – wie den sozialen Verachtungstod – nachsich zieht. Insbesondere wenn der Wahreitsposaunist seinen Mitmenschen unterstellt, auf natürliche Weise dümmer zu werden, fühlen sich die Pseudointellektuellen angegriffen und wollen jeden der nicht ihrer Meinung ist der Meinungsfreiheit berauben.
Der größte Schlemihl in der Dreimillionen-Hüpfnurg ist aber der Narr an ihrer Spitze, Wowi geheißen und genauso pseudodurchgeknallt wie die ganze Stadt. Berlin ist wie die Kinder reicher Eltern in der Oberstufe, die mit Papis Geld einen auf dicke Hose machen.
Berlin ist der Dieter Bohlen unter den europäischen Großstädten.