Anstatt endlich mehr Arbeitsplätze zu schaffen oder geltende gesetzliche Regelungen zu nutzen, fordern einige Arbeitgeberverbände nun, Arbeitgeber sollten doch bitte auf ihnen zustehende Urlaubstage verzichten. Die Wirtschaft erdreistet sich dabei nicht einmal, ein paar Tricksereien anzuwenden.
Sind wir doch einmal ehrlich: Allein die Forderung an sich verrät jedem etwas informierten Menschen doch, dass es den Arbeitgeberverbänden NICHT darum geht, angeblich übervolle Auftragsbücher abbauen zu können, sondern um Stimmung gegen die angeblich so gierige Arbeitnehmerschaft zu machen. Deshalb macht der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) heute mit der Forderung auf, Arbeitnehmer sollten doch auf einen Teil ihres Urlaubsanspruches verzichten. (Siehe Artikel auf SZ-Online)

Dabei schreckt die Arbeitgeberlobby nicht einmal davor zurück, in ihrer Dreistigkeit ein paar gedehnte Wahrheiten über den Durchschnittsarbeitgeber zu verbreiten. So muss der Leser folgende Argumentation ertragen:

“Die UMW-Vorstandsvorsitzende Ursula Frerichs sagte: ‘Sechs Wochen sind zu viel, vier Wochen reichen völlig aus.’ Frerichs begründete die Forderung damit, dass Deutschland bei den Urlaubstagen weltweit an der Spitze liege und die Beschäftigten im Verhältnis zu anderen Ländern immer noch doppelt so viele freie Tage hätten.”


Dieser kleine zitierte Absatz enthält gleich mehrere Tricksereien, welche wir kurz als solche entlarven wollen. Für die Leser des Onlineangebots der “Süddeutschen Zeitung” ist der erste Schritt zur Wahrheit sogar nur einen Mausklick entfernt. Denn als das Stichwort “Urlaubsverzicht” im Beitrag fällt, offenbart sich dem Leser ein Link, welcher zu weiterführenden früheren Artikel führt. Dieses Angebot ist ein nützlicher Service, welcher mittlerweile von vielen Nachrichtenportalen angeboten wird und in unserem Fall ein echter Segen. Nutzt man nämlich den Link, so gelangt der Leser zu einem Artikel mit der verräterischen Überschrift “Deutsche haben wenig Urlaubsanspruch”. Und anstatt bloßer Behauptungen eines BVMW enthält dieser Beitrag stichhaltige Fakten, welche in einer internationalen Studien zusammengetragen worden sind. Ergebnis: Der deutsche Arbeitnehmer hat nur einen gesetzlichen Anspruch auf 20 Urlaubstage und liegt damit im europäischen Vergleich ganz hinten an letzter Stelle. Jetzt könnten Kritiker jedoch einwenden: “Halt, hier werden nur die gesetzlich festgelegten Urlaubstage berücksichtigt!” Diesen sei eine weitere Statistik präsentiert. Ergebnis hier: Bei der Zahl der durchschnittlich tariflich vereinbarten Urlaubstage kommt Deutschland auf 29,1 Urlaubstage. (Falls denn überhaupt eine tariflichen Bindung vorliegt.) Eine Studie des DIW kommt übrigens zu einem ähnlichen Ergebnis. Runden wir das Ergebnis auf 30 Tage, so erhalten wir besagte sechs Wochen. (Da eine Arbeitswoche nur aus fünf Tagen besteht, muss die Rechnung lauten: fünf Arbeitstage mal sechs Wochen = 30 Urlaubstage)


Haben die Arbeitgeber also recht: Arbeiten wir zu wenig? Genau das Gegenteil ist der Fall: Eigentlich sind es die Arbeitnehmer, welche Forderungen stellen sollten. Um des Rätsels Lösung aufzudecken, sei auf einen Beitrag unserer lieben Kollegen der Nachdenkseiten verwiesen. Dort heißt es:
Der Hinweis von Arbeitgebern auf den Urlaubsweltmeister Deutschland führt vollkommen in die Irre. Bei der der tatsächlich geleisteten wöchentlichen Arbeitszeit liegt Deutschland mit 40,8 Stunden weit über dem EU-Durchschnitt. Länger arbeiteten in den EU-15 nur die Österreicher, auf die gesamte EU bezogen liegen nur noch 6 osteuropäische Volkswirtschaften mit deutlich geringerer Produktivität vor uns.

Ergänzende Anmerkung: Das wären etwa 2 Stunden pro Woche oder 4,5% unbezahlte Mehrarbeit.



Bleibt die Frage: Wer arbeitet hier also angeblich zu wenig? Ganz davon abgesehen: Wenn die Auftragslage tatsächlich so gut ist, warum stellt die Wirtschaft dann nicht endlich neue Leute ein? Hier können wir uns sicher schon auf eine altbekannnte Ausrede freuen: Wir wissen nicht, wie stabil der Aufschwung ist.