Kanzlerin Angela Merkel hat die kritischen und polemischen Äußerungen von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin über Muslime „vollkommen inakzeptabel“ verurteilt. Sie seien ausgrenzend und machten ganze Gruppen in der Gesellschaft verächtlich, sagte die CDU-Vorsitzende. „Das spaltet die Gesellschaft“, so Merkel.

Das schlimmste sei, dass Sarrazin die notwendige Auseinandersetzung mit dem Thema Integration nicht voranbringe, sondern verschärfe und erschwere, sagte Merkel. „Das eine ist die Wortwahl, die Art der Ausdrucksweise, die Abstempelung ganzer Gruppen, das Ausgrenzen, Verächtlichmachen, das ist inakzeptabel.

Doch was schrieb eigentlich der Spiegel über die Türken und was gaben Politiker bereits in vergangenen Jahren zum Besten?

Die Türken kommen – rette sich, wer kann [Spiegel 1973]

Fast eine Million Türken leben in der Bundesrepublik, 1,2 Millionen warten zu Hause auf die Einreise.
Der Andrang vom Bosporus verschärft eine Krise, die in den von Ausländern überlaufenen Ballungszentren schon Lange schwelt. Städte wie Berlin, München oder Frankfurt können die Invasion kaum noch bewältigen: Es entstehen Gettos, und schon prophezeien Soziologen Städteverfall, Kriminalität und soziale Verelendung wie in Harlem[..]
[…]Gleichwohl erhellt der Türken-Andrang die Misere in bisher nie dagewesener Schärfe. Kein anderes Herkunftsland hat so viele Analphabeten (Uno-Schätzung: 54 Prozent). Für keine ethnische Gruppe ist die Kluft zwischen urtümlichen Lebensbedingungen zu Hause und entwickelter Industrie-Gesellschaft so tief wie für die Frauen und Männer Kleinasiens.
Kein Wunder, wenn die Türken in der Bundesrepublik ein Exempel dafür liefern, daß „gesellschaftlich nicht eingebundene Minderheiten zur räumlichen Absonderung“ drängen und in der Fremde, wie es Soziologen der Münchner Stadtplanung formulierten,. „vertraute Lebensgewohnheiten“ suchen — indem sie eng aneinanderrücken[…]
[…]Welchen Grad die Ballung ausländischer Mitbewohner annehmen muß, damit die Deutschen das Weite suchen, läßt sich bereits nachmessen. Der Kreuzberger Ausländerbeirat ermittelte, daß bei einem Ausländeranteil von 30 Prozent im Haus die Lawine abgeht.

Nach dem Gesetz des Gettos weichen als erste die wirtschaftlich Stärkeren, die sich die Wahl der Wohngegend womöglich noch leisten können, dann treibt es auch die wirtschaftlich Schwächeren hinweg — und gleichzeitig verstärkt sich das Desinteresse des Eigners an weiteren Investitionen in ein Haus, dessen Substanzabbau ohnedies die Mieterumschichtung vorantreibt[…]

Je weniger, desto besser [Spiegel 1975]

Bonns Arbeitsminister Walter Arendt will überzähligen  Gastarbeitern, die bislang durch geltendes Recht vor Abschiebung geschützt sind, den Aufenthalt verleiden. Sieben Bonner Ministerien streiten sich seit sieben Monaten über jene Probleme, die Gastarbeiter dem Staat und der Gesellschaft auferlegen. Zu einhelligen Ansichten fanden sie nicht. Hermann Ernst, im federführenden Arbeitsministerium zuständig für die Ausländer, urteilt ohne Illusionen: „Da gibt es keinen Kompromiß. Das muß so oder so entschieden werden[…]
[…]Arendt sorgt sich um die wachsende Zahl von Ausländern in der Bundesrepublik, die bei anhaltender hoher Arbeitslosigkeit auch westdeutscher Arbeitender keinen Job mehr finden und in Großstadt-Gettos zu Randgruppen mit sozialer Sprengkraft werden[…]Das schwierigste Problem jedoch[…]wird erst in einigen Jahren drängend. Die erste Generation der Ausländer findet sich noch mit dem Leben in Gettos und als Außenseiter ab, „weil sie das alles mit Hinter-Anatolien vergleichen, und schon fühlen sie sich hier wieder sauwohl“ (ein Arendt-Mitarbeiten. Die jetzt heranwachsende zweite Generation aber vergleiche die deutsche Gastarbeiter-Welt mit der deutschen Umwelt: Schwere soziale Spannungen seien unausweichlich[…]

Die Reichen werden Todeszäune ziehen [Spiegel 1982]

SPD-Kommunalexperte Martin Neuffer über die Ausländerpolitik der Bundesrepublik
[…]Da, wo die Umsiedlung in einen sprachlich und kulturell ganz fremden Raum stattfindet, wird der Vorgang problematisch. Sind es einzelne oder wenige, die diesen Schritt tun, so kann die Integration in die neue Umgebung gelingen – mag sie auch mindestens die beiden ersten Generationen besonders belasten. Handelt es sich um größere ethnische Gruppen, die sich im fremden Kulturkreis ansiedeln, so wird die Chance der Integration teils erschwert, teils auch bewußt abgelehnen[…]
[…]Türkische Familienväter lassen ihre Familien nachkommen. Alleinstehende gründen eine. Unter dem Stichwort Familienzusammenführung siedelt auch das junge Mädchen nach Deutschland über, das ein in Deutschland lebender Türke auf einer Urlaubsreise in seine Heimat geheiratet hat. Auch der umgekehrte Fall kommt vor. Bei der zahlenmäßigen Stärke der jüngeren Jahrgänge kommt allein auf diese Weise eine beträchtliche weitere Einwanderungswelle in Gang. Vor allem handelt es sich um junge Frauen, die bald Kinder gebären werden.Diese Verlagerung des türkischen Bevölkerungswachstums in die Bundesrepublik ist, mit Verlaub gesagt, ein gemeingefährlicher Unfug. In den meisten Fällen besteht nur wenig Aussicht, daß die gutgemeinten Integrationsbemühungen der Bundesrepublik je dazu führen werden, daß diese Türken Deutsche werden. Es muß vielmehr damit gerechnet werden, daß die Integrationschancen mit der zunehmenden Massierung immer größerer Zahlen von türkischer Bevölkerung weiter absinken. Je mehr Türken hier leben, um so geringer ist die Aussicht, daß es zu einer echten „Einbürgerung“ kommt[…]
[…]Die Gefahr, daß alle Integrationsbemühungen völlig illusorisch werden und daß sich zugleich eine Art türkisch-islamisches Subproletariat bildet, liegt auf der Hand. Wie stark die politische Polarisierung schon fortgeschritten ist und wie ungehemmt sich gewaltsame radikale Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit entwickeln, wird von Jahr zu Jahr deutlicher[…]
[…]Die Türkei erwartet allein in den nächsten 20 Jahren einen Bevölkerungszuwachs von 24 Millionen Menschen. Es kann nicht angehen, daß davon ein wesentlicher Teil in der Bundesrepublik Aufnahme findet. Die Türkei muß ihre Bevölkerungs- und Sozialprobleme im eigenen Land lösen. Ihr dabei zu helfen, hat gerade die Bundesrepublik schon in der Vergangenheit mit großem materiellen Aufwand versucht. Bevölkerungsexport ist aber kein Lösungsweg, auf den wir uns einlassen können[…]
[…]Das letzte, was erstrebenswert erscheint, wäre eine ganz unvermischt deutsche Bevölkerung und Kultur. Es sind immer aus den Begegnungen und aus Mischungen kulturelle Bereicherungen und Fortschritte entstanden, auf die nicht ohne große Einbußen zu verzichten wäre. Nur spielt eben das Maß hierbei doch eine entscheidende Rolle[…]

Bis an die Grenzen Innenminister Zimmermann plant, [DER SPIEGEL – 28.11.1988]

Ausländer vom Zuzug in die Bundesrepublik mit drastischen Mitteln abzuschrecken. Widerstand wächst bei FDP und Union.
Dem Ministerentwurf zufolge ist die Bundesrepublik schon „bis an die Grenzen der Aufnahmemöglichkeiten gegangen“. Warnte CSU-Parteifreund Edmund Stoiber eben vor einer „durchmischten und durchrassten“ Gesellschaft, so hat Zimmermann das Schreckbild eines multikulturellen oder gar multinationalen Gemeinwesens vor Augen: Eine weitere „Überschwemmung“ bedroht da die „Homogenität der Gesellschaft“. Folge: „Die gemeinsame deutsche Geschichte, Tradition, Sprache und Kultur verlören ihre einigende und prägende Kraft.“ Ziel ist deshalb „die Bewahrung des eigenen nationalen Charakters“.