Nicht der Westen ist schuld am Zurückbleiben der arabischen Länder. Diese haben den Übergang in die Moderne verpasst – nicht zuletzt wegen ihrer rigiden Berufung auf den Koran.

Der alte Mann sitzt im hellen Gewand hinter der Balustrade, eine schneeweisse Kufiya bedeckt den Kopf, sein schütterer Bart ist ergraut, vor ihm sind vier grosse Mikrofone aufgebaut. Mit erhobenem Zeigefinger massregelt er sein Publikum, seine Worte scheppern schrill aus den Lautsprechern in den Saal, die Akustik schmerzt. „Es ist wahr“, schreit Prediger Yusuf Al-Qaradawi, „wir können uns die herrlichsten Dinge der Welt kaufen. Unsere Leute können die luxuriösesten Autos kaufen.“ Erregt steigert er sich: „Rolls-Royce, Mercedes 500 oder 700, S-Modelle, M oder L – mit allem Luxus!“ Dann leise: „Wir besitzen sie, aber wir stellen sie nicht her“, sagt er, „wir produzieren keine einzige Schraube dieser Autos.“

„Wie kommt das?“, fragt Al-Qaradawi in seiner Predigt und erzählt von einer Studie aus einem arabischen Land, die berechnet hat, wie viel Zeit die Staatsangestellten bei der Arbeit verbringen. „Der Durchschnitt betrug 27 Minuten am Tag“, ruft er. Und wieder schreit er: „27 Minuten!“

Qaradawi berichtet von einem Erweckungserlebnis aus den siebziger Jahren, als er zum ersten Mal in Deutschland eintraf und sich wunderte, dass er auf den Strassen kaum Menschen erblickte. „Die Leute arbeiten“, habe ihn der Chauffeur aufgeklärt. Und schliesslich widmet er sich seinem Hauptgegner: „Wie hat es die zionistische Bande geschafft, uns überlegen zu sein, wo sie doch nur so wenige sind? Durch Wissen! Durch Technologie! Durch Stärke!“

Aber seine Antworten zur Frage der wirtschaftlichen Entwicklung in den islamisch geprägten Ländern sind so einfach wie seine Rhetorik. Mehr als einen Appell an die Faulenzer hat die mächtige Stimme dazu nicht zu verkünden.

Warum verharren die Ökonomien der islamischen Welt in Erstarrung und ertrinken in Korruption? Warum legen sie den Rückwärtsgang ein?

Fortschrittsbremse Koran. Die Religionsgelehrten, allmächtige Agenda-Setter und Lehrmeister, liefern keinen werthaltigen Beitrag zur Ursachenforschung. Die Antwort würde von ihnen eine schmerzvolle Selbstkritik fordern, sie berührt ein grosses Tabu: Es ist vor allem die Religion der schriftgläubigen Koran-Anhänger, die den technologischen Fortschritt bremst. Es ist das archaische, sich seit einigen Jahrzehnten wieder rasant ausbreitende Scharia-Recht, das ein nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum im Orient hemmt. Und es ist das „islamische Banking“, das sinnreiche Investitionen blockiert.

Erklärungsversuche für die desaströse Lage der Region gibt es zahlreiche. Der Kolonialismus habe die freie Entfaltung unterdrückt, sagten die Dritt-Welt-Ideologen. Die Juden seien an allem Elend schuld, meinten die Proaraber – als Eindringlinge wie als Herrscher über die Wall Street. Die Geografie benachteilige die Völker, erklärten andere und konnten den Widerspruch nicht auflösen, dass die Holländer ihr Land erfolgreich dem Meer abtrotzten und die Schweiz trotz widriger Lage und ohne Rohstoffe prosperierte. Der teuflische Kapitalismus habe die Menschen fehlgeleitet, sagen die iranischen Gelehrten. Die despotischen Herrscher seien schuld, meinten die Orientalisten. Und neuerdings wird durch den Autor Thilo Sarrazin eine ethnisch-erbbiologische Vulgärdeutung wieder aktuell, die eigentlich schon vor 65 Jahren als erledigt galt. All diesen Erklärungsversuchen ist gemeinsam, dass sie das entscheidende, lebensprägende Element der islamischen Welt ignorieren – den Koran.

„Dieses Buch – es ist vollkommen, nichts ist zu bezweifeln – ist eine Richtschnur für die Frommen“, steht sogleich am Anfang der Schrift, die als wörtliche Offenbarung Allahs betrachtet und als unfehlbares Zeugnis Gottes verherrlicht wird. Wer dürfte Gottes Wort verändern oder anzweifeln?

Im Koran ist alles gesagt. „Es steht geschrieben“, antworten Gläubige gerne auf ein alltägliches Missgeschick – ein Fatalismus, der jedes Streben nach wirtschaftlichem Erfolg ausbremst.

„Dem Islam fehlt die Fähigkeit, sich zu verändern“, sagt der französische Theologe Jean-Claude Barreau. Der Koran sei „ein archaisches Buch, das sich mit den archaischsten und langweiligsten Texten der Bibel auf eine Stufe stellen lässt“, schrieb Barreau. „Die kulturelle Rückständigkeit des Islam, seine Primitivität“, sagt der französische Philosoph, „wird durch die Unbeweglichkeit der muslimischen Theologie noch unterstrichen.“

Unfehlbar, universal und weltgültig erscheint der Islam. Seine Anhänger glauben nicht nur an ihren Gott, wie die Gläubigen anderer Weltreligionen im Sinn eines freien Glaubensaktes. Die Muslime bekennen sich zu der Vorschrift, dass „Gott ist“. Ihr Glaube ist eine Handlung der Unterwerfung unter die Offenbarung. Islam heisst in der wörtlichen Übersetzung: Unterwerfung unter Gott.

Der Koran galt als so vollkommen, dass jede weitere Literatur mit Verachtung betrachtet wurde: Ein zweites Buch könnte Gottes Offenbarung in Zweifel ziehen. So wurde die mündliche Überlieferung der Rechtsgrundsätze verherrlicht, die Gedächtnisleistung eines Gelehrten bewundert, aber jede Niederschrift verachtet.

Was übrig blieb und fortlebte, war eine infantile Weltsicht. So beschreibt der tunesisch-französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb das religiöse Schrifttum, das unter der selbst gewählten intellektuellen Beschränktheit entstand.

Getrübtes Selbstbild. 2002 veröffentlichte die Uno-Entwicklungsorganisation UNDP erstmalig ihren Arab Human Development Report. Um Ressentiments wegen westlicher Belehrungen zu begegnen, sassen im Autorenteam ausschliesslich Araber und Muslime. Ihr Bericht kam dennoch zu beklemmenden Ergebnissen, die das Selbstbild der Araber als Kinder einer Hochkultur trübte, die sich gerne als „Erfinder“ der Algebra betrachten, obwohl diese tatsächlich Jahrhunderte vor ihrer Verfeinerung durch Araber in Indien entwickelt worden ist. Die Autoren beklagten nicht nur das Fehlen politischer Freiheiten, sondern auch das Versäumnis, die weibliche Hälfte der Gesellschaft ins Wirtschaftsleben zu integrieren. Sie entdeckten rundum eine „mangelnde Unterweisung in angemessene Fertigkeiten des Lesens und Schreibens, um dem modernen Umgang mit Wissen zu genügen“.

„Es gibt keine Hoffnung“, sagt der Entwicklungsexperte Abdul Aziz Al-Muqaleh, „wo der Analphabetismus nahezu jeden ernsthaften Versuch zerstört, aus dem Tunnel der Entfremdung von der modernen Epoche zu entkommen.“
2004 ging der Bericht zur Arabischen Entwicklung des UNDP der Frage nach, ob das Selbstbild der Araber als Kernland der Rechenkunst zutrifft. Ergebnis: Die mathematische Kompetenz der Studierenden in neun arabischen Ländern erreichte nur 392 Punkte gegenüber dem Durchschnitt von 467 im internationalen Vergleich.
2009 veröffentlichten Forscher, finanziert von einer Stiftung des Regenten von Dubai, den „Arabischen Wissensbericht“ – wieder mit einem rein arabischen Autorenteam. Sie stellten fest, dass die „intellektuelle Trägheit“ das kulturelle Leben dominiere. Die Gesellschaften seien von eindimensionalen Sichtweisen geprägt, sie würden sich dem Wandel, der Kreativität und der Innovation versagen. Unter den Gläubigen seien „bornierte Interpretationen weit verbreitet“. Die Situation verschlimmere sich sogar. Nach wie vor könne ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung weder lesen noch schreiben: „60 Millionen Analphabeten in den arabischen Ländern.“ Weniger als 55 Prozent besuchten Sekundarschulen, im Vergleich zu 84 Prozent in Zentralasien. Im Irak seien während des Bürgerkrieges zwischen Sunniten und Schiiten mehr als 3000 Akademiker emigriert. Mehr als 830 Akademiker seien getötet worden – ein Krieg gegen die Intelligenz.

Das Fazit: „Insgesamt waren die arabischen Länder 2007 weniger industrialisiert als 1970. Der Ölreichtum zeichnet ein irreführendes Bild der Lage.“ Im März 2009 urteilte ein Forschungsbericht der Arabischen Liga: „Die Region hat weder die Chancen genutzt, die sich aus den Öl-Erträgen ergaben, noch hat sie es besser als andere Entwicklungsländer vermocht, zu den reichen Nationen aufzuschliessen.“

Der Zustand der arabischen Arbeitsethik sei „bedrückend“, resümierte der libanesische Forscher Yusuf Sidani seine Analysen. Und sein Kollege Abbas J. Ali von der Universität in Pennsylvania entdeckte bereits in den achtziger Jahren trotz der hohen Investitionen „keine Fortschritte“ bei der Entwicklung des Talentmanagements.