Ende März kam eine Frau zur Krebseuntersuchung in die klinik Havelhöhe. Eigentlich sollte sie nur drei Tage dort bleiben, doch die Diagnose machte eine sofortige Weiterbehandlung nötig. Da die Frau aber Hartz IV Empfängerin ist, gaben Bekannte dem Jobcenter Reinickendorf sofort bescheid.
„Ich war in der Zeit bestimmt vier oder fünf Mal im Jobcenter und habe Liegebescheinigungen und Atteste abgegeben“, sagt die Bekannte. „Angeblich aber lagen die Dokumente nicht vor.“ So wird nach ihren Angaben am 18. April mit der Abgabe des Folgeantrags zur Weiterbewilligung der Arbeitslosengeld-II-Leistungen auch die Liegebescheinigung für eine Anschlussbehandlung in der Charité übermittelt und im Jobcenter mit einem Eingangsstempel versehen. Doch beide Dokumente wurden von den achso fleissigen Mitarbeitern des Jobcenters sofort fachgerecht im Schredder entsorgt, so das diese nicht mehr auffindbar waren und die Schuld wurde der krebskranken Frau gegeben, da sie ihre Mitwirkpflicht vernachlässigt habe.
Etwa zur gleichen Zeit macht sich offensichtlich die Vermieterin Sorgen, da die Miete ausstand. Wie das Jobcenters bestätigt, nimmt sie am 12. April auf der Suche nach ihrer Mieterin Kontakt mit dem Jobcenter auf. Dort wird man hellhörig. Das Jobcenter aktiviert den Außendienst zur „Sachverhaltsaufklärung“ und stellt die Zahlungen für den Monat Mai komplett ein, wegen der „unklaren wirtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse“.
Am 6. Mai betritt ein Mitarbeiter im Beisein der Vermieterin die Wohnung der im Krankenhaus liegenden Frau und führt einen Hausbesuch in Abwesenheit der Mieterin durch.
Dass hier ein Verstoß gegen eigene Bestimmungen vorliegen könnte, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Doch der Schutz der Wohnung gehört zu den Grundrechten. Der Verstoß ist dem Jobcenter-Mitarbeiter offensichtlich nicht bewusst, immerhin spricht er mit Dritten darüber. So kontaktiert er Anfang Mai im Zuge seiner Ermittlungen den Berliner Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt. Die jetzige Krebspatientin war dort mehrere Jahre ehrenamtlich im Vorstand tätig. „Der Jobcenter-Mitarbeiter rief an und fragte mich, ob die Betroffene sich von 7. bis 10. April hier aufgehalten habe“, erzählt eine Mitarbeiterin. „Und dann erzählte er frank und frei, dass er mit der Vermieterin in der Wohnung gewesen sei, weil das Jobcenter keine Informationen darüber hätte, was mit der Frau sei.“
Dieser Fall von Verletzung der Privatsphäre ist selbst für Betroffenen-Initiativen nicht alltäglich. Verwundert ist Jürgen Freier von der Berliner Kampagne gegen Hartz IV nicht: „Es hat seit Einführung des Arbeitslosengeldes II immer wieder Gesetzesverschärfungen gegeben, die für die Betroffenen noch mehr Kontrolle bedeuten“, sagt er. Bei den Jobcenter-Mitarbeitern führten die Regelungen tendenziell zu einem grundsätzlichen Misstrauen und weichten ihre „grundrechtliche Sensibilität“ auf.
Am 6. Mai werden nach Aussage des Jobcenters erneut Nachweise des Aufenthalts von der krebskranken Frau im Jobcenter abgegeben und diesmal zur Kenntnis genommen. Dennoch werden die Sanktionen erst drei Wochen später zurückgenommen und die ausstehenden Zahlungen geleistet, „da der Aufenthalt außerhalb der Krankenhauszeiten zunächst geklärt werden sollte“, schreibt das Jobcenter. Fast einen Monat wurde die Patientin im Unklaren darüber gelassen, ob sie für eine vom Jobcenter verschlampte Liegebescheinigung mit einer 100-prozentigen Leistungskürzung sanktioniert wird oder nicht. Was nicht aufgehoben wurde, so die Bekannte der Patientin, sei eine 10-prozentige Sperre für die Monate Mai, Juni und Juli, da während der Zeit des Krankenhausaufenthalts der Postzugang nicht gewährleistet gewesen sei.
Es dauert wohl nicht mehr lange, bis jobcenter eigene Lager zur überwachung ihrer „Kunden“ einführt. Zur Bewachung könnten die Jobcenter dann abgehalfterte Polizisten einsetzen, die jeden aufschreiben, der das Lager verlässt, diese bekommen dann alle Leistungen sanktioniert und dürfen sich dann zu den Obdachlosen gesellen.
Mai 8, 2015 at 5:10 pm
Und solcher Abschaum ist es, der in den „Amts“Stuben hockt, wohlgenährt vom Steuerzahler, den er hintenrum mit Stahlkappen in den Stiefeln wieder in den Arsch tritt.
Da muss man sch nicht wundern, wenn steuererpresste Bürger sich gewaltsam wehren.
August 4, 2014 at 11:34 am
Ich kann Euch nur den Rat mitgeben, alles zu dokumentieren.
Ich bin 57 Jahre alt und bekomme teilweise Erwerbsminderungsrente. Gesundheitlich geht es mir sehr schlecht. Ich bin seit März 2014 krank geschrieben und muß mir demnächst eine Gefäß-OP und später eine Bandscheibe-OP machen lassen …
Ich habe bis heute meine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung immer per Post an das Jobcenter geschickt. Aber zuvor habe ich die AU kopiert und an das Jobcenter gefaxt – natürlich mit Faxprotokoll…
Jetzt wollen die auch noch eine Liegebescheinigung nach meinen KH-Aufenthalt, obwohl eine AU vorliegt. Ist das richtig oder eher eine beabsichtigte Diskreditierung, seitens des Jobcenters..?
August 9, 2011 at 11:31 am
Wer nicht hören will und nicht handelt gegen Ungerechtigkeit zur rechten Zeit, der wird bald sehen, was von seinen Rechten, sofern diese überhaupt je vorhanden waren, gegen Ende noch übrig bleibt.
Was wundert Ihr Euch? Ihr habt es bis jetzt zugelassen, daß sie uns knechten und demütigen, nun gibt es die Quittung für die Blindheit und Taubheit und die Gleichgültigkeit der Leute.
Ich habe schon Leute in den erbärmlichsten sozialen Verhätnissen ihr ganzes Leben leiden und am Ende ihres Lebens elendig verrecken sehen, und das in einem Land wie dem unsrigen, wo es angeblich die beste medizinische Versorgung geben soll.
Wir haben es mit einem kaltblütigen, kapitalistischen System zu tun, welches einen Dreck um seine Arbeitsklaven gibt. Das einzige was die können, ist in einer Krise weitere Sitzungen einzuberufen und dabei dann neue Unterdrückungsmaßnahmen zu besprechen.
Aber sie, die Deutschen, lieben ja ihr Land und ihre Politiker. Noch nicht mal dann, wenn auf den Leuten herumtrampelt wird und ihnen, wenn sie am Boden liegen die Peitsche gegeben wird, wehren sie sich. Nein, selbst dann finden die Leute dieses Menschen verachtende System noch voll in Ordnung. Dann sollen sie auch zusehen, wie sie in ihrer Not damit zurecht kommen und das Jammern einstellen. Denn sie wollten es ja nicht anders. Die Leute sind selbst schuld daran, daß es so ist wie es ist.