„Totale Institutionen“ mit 24-Stunden-Überwachung, aus denen keine Information nach außen dringt und in denen Gewalt und Demütigungsrituale zum Alltag gehören. So beschrieb die ehemalige Nationalratsabgeordnete Irmtraut Karlsson (SPÖ) in Buch „Verwaltete Kinder“ aus dem Jahr 1974 die Heime der Stadt Wien. 14 Anstalten bezeichnete sie sogar als „Kindergefängnisse“.
„Wir sind ein Endstationenheim“. Diesen Satz hätten Heimleiter öfter gesagt, heißt es in der Studie.
Konsequenzen für die Heimleitung gab es keine. „Körperliche und seelische Gewalt hatte in diesen Heimen System“, sagt Karlsson. „Die Verantwortlichen wussten von den Vorgängen – ich verstehe nicht, warum sie das jetzt leugnen.“ Es sei alles bekannt gewesen, nur habe sich niemand darum gekümmert.

Sie haben heute noch Albträume. Ihre Existenz im bürgerlichen Leben steht auf wackeligen Beinen. Dennoch wagen sich jetzt immer mehr Heimkinder an die Öffentlichkeit. Und bringen Licht in ein dunkles Kapitel von Österreichs Vergangenheit. „Während meiner Zeit im Schloss Wilhelminenberg waren wir den Erzieherinnen schutzlos ausgeliefert“, schildert etwa Hilde H. aus Wien.

Jeden Tag hatte sie Angst vor neuen, furchtbaren Strafen. „Einmal mussten wir einfach so die ganze Nacht stehen. Es herrschte Terror“, erzählt die Frau der „Krone„.

„Im Schloss Wilhelminenberg bin ich im Jahre 1954 als Knabe missbraucht worden. Ich wurde im Unterleib verletzt. Später hat man mir auch einen Finger gebrochen – bei Prügelorgien“, erklärt Peter T., ein weiteres Opfer.

Eine heute 82-jährige Zeitzeugin erinnert sich gar an das besonders tragische Schicksal des „kleinen Willi“. Da der Nachbarsbub – eine Vollwaise – Ende der 1960er-Jahre „besonders ungezogen“ war und niemand da war, auf den Rabauken aufzupassen, wurde er ins Heim gesteckt. „Ein Paar gestohlener Schuhe in Simmering waren der Anlass für die sofortige Einweisung in das Erziehungsheim“, erzählt die einstige Nachbarin.

In seiner Verzweiflung schrieb das Kind in einem Brief an seinen Bruder: „Ich bin hier oben im Heim todunglücklich. Bitte hol mich hier raus.“ Doch der Bruder – selbst noch ein junger Bursch – war machtlos gegen die Bürokratie und die verschworene Erzieher-Clique. Der kleine Willi wurde dann von den selbst ernannten Pädagogen offenbar psychisch so sehr gebrochen, dass er sich schlussendlich aus einem Fenster in den Tod stürzte.

„Wir hatten Unterricht, die Lehrerin, das war die Maria H. war schon die ganze Zeit so hektisch. Sie hat gleich geschimpft wegen irgendwas und war furchtbar aufgeregt. Es war eh schon ganz mucksmäuschenstill in der Klasse. Jedenfalls ist halt ein Bleistift hinuntergefallen, diesem Mädchen. Sonst ist nix gewesen. Die Lehrerin ist zu der hin, hat – die hatte solche runden Zöpfchen, Schnecken, über den Ohren – die hat sie da gepackt, hat sie abgeohrfeigt. Links, rechts, links, rechts. Dann hat sie sie buchstäblich auf den Boden geschmissen, und ist auf der herumgetreten. Überall. Auch auf den Kopf. Überall.“
Das Mädchen, erinnert sich Elfriede S., soll regungslos am Klassenboden gelegen sein. „Die ist ganz blass geworden. Mein Gott, wenn jemand atmet…, dann sieht man ja wie sich der Brustkorb bewegt… Da war nix.“ Als die Rettung kam, sagt die 69-Jährige, sei das Mädchen auf eine Trage gelegt worden. Körper und Kopf mit einem Tuch bedeckt.
Elfriede S.: „Gerüchte gibt es überall, speziell in so einem Fall. Alle, fast alle, waren überzeugt davon, dass die tot ist. Das Mädchen war die Franziska. Ein richtiges zartes Dingerl.“