Die Geschichte der Euro-Gründung hat man im Eilmarsch vergessen, um Deutschland besser anfeinden zu können. Das geht so weit zu behaupten, Deutschland beabsichtige heute durch strikte Geld-und Finanzregeln die Hegemonie über Europa zu erlangen, um zu triumphieren, wo Panzerdivisionen gescheitert waren. Das Argument verursacht große Aufregung, doch es ist schlicht falsch. Im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands ließ die Existenz einer hoch wettbewerbsfähigen Wirtschaft im Herzen Europas seine Nachbarn erschaudern.
So entstand die Idee, diesen Wirtschaftsriesen an eine gemeinsame Währung zu binden, so wie die Bewohner von Lilliput den Riesen Gulliver anbinden wollten, um sein Schicksal mit einer tieferen europäische Integration zu verknüpfen. So sehr es uns heute Überwindung kostet das zuzugeben, aber Deutschland schlug damals einen anderen Weg vor: Erst müssten sich alle in Richtung Steuerharmonisierung bewegen, verantwortlich mit ihren öffentlichen Ausgaben umgehen, um sich dann vorsichtig an eine Währungsunion heranzutasten – die eben auf einer synchronisierten Finanzpolitik aller basiert. Aber niemand wollte das Gebäude auf diesem Fundament aufbauen. Das Ergebnis: Beim ersten großen Sturm erzittert die gesamte Konstruktion des Euro.

Und nun kommt was kommen musste, die US-Ratingagentur Standard & Poor’s will Medienberichten zufolge den Ausblick für die Kreditwürdigkeit Deutschlands auf „negativ“ senken. Dasselbe gelte für fünf weitere Länder der Eurozone, berichtete die „Financial Times“ am Montag auf ihrer Internetseite ohne Angabe von Quellen.
Mit der Senkung des Ausblicks würde den sechs mit der Bestnote „AAA“ eingestuften Staaten der Verlust ihrer Topbonität drohen. Neben Deutschland seien auch Frankreich, die Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg betroffen, hieß es im Bericht der „Financial Times“. Ähnlich berichtete die Finanzagentur Bloomberg unter Berufung auf Kreise. Demnach werde S&P den Ausblick für alle 17 Staaten mit der Eurowährung auf „negativ“ setzen.

Da hat Standard & Poor’s einigen Leuten mal wieder einen gehörigen Schrecken eingejagt. Genau das wollte die US-Ratingagentur wohl auch mit ihrer Drohung, die Bonität zahlreicher europäischer Staaten und auch diejenige Deutschlands herabzustufen.
Warum? Nun, seit Wochen muss sich Angela Merkel in Europa wegen ihrer Haltung gegen Euro-Bonds heftiger Angriffe erwehren. Stellvertretend für viele schreibt Polens Außenminister Radoslaw Sikorski in der „Zeit“: „Ich verlange von Deutschland, dass es der Euro-Zone zum Überleben und Gedeihen verhilft. Sie wissen genau, dass kein anderer das kann.“
Die von S&P angedrohte Abstufung würde die Lage der Euro-Zone weiter verschlechtern, das wissen alle. Folglich ist das Jammern und Wehklagen groß. Genau das aber wollten die Amerikaner wohl erreichen. Sie zwingen die Europäer zur Einigung.
Das ist gut für Merkel. Und so kommt die Drohung der US-Ratingagentur für sie ganz und gar nicht ungelegen. Vielmehr kommt sie zu diesem Zeitpunkt geradezu wie bestellt. Denn nun werden sich alle brav hinter Angela Merkel versammeln. Und sie schafft sich ihr Europa.