Nach den Plädoyers von Staatsanwalt Ralf Vetter und den Verteidigern der Angeklagten wurde, nach zweistündiger Pause, das Urteil verkündet. Bemerkenswert, dass Elvis noch breiter grinste als in den Tagen davor und auch Kemal recht leger in den Gerichtssaal kam.

Im Namen des Volkes wurde dann folgendes Urteil verkündet:

Osman erhielt wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe, Sirin und Kemal wegen Geiselnahme und Beihilfe zum Mord jeweils 10 Jahre, Kemal und Elvis wegen Geiselnahme jeweils 5 Jahre und 6 Monate.

Der Richter lieferte dann eine Begründung, die frei war von jeglichem Relativieren. Ganz klar fiel der Begriff „Ehrenmord“. Arzu sei von ihrem Bruder hingerichtet worden, es sei ein Mord mit Ansage gewesen. Arzu habe, als sie sich verliebte, gegen Regeln verstoßen, die wir nicht kennen und nicht verstehen.

Sie sei von der Familie geschlagen, gezüchtigt und verstoßen worden, und als man sie dann gefunden habe, wurde sie entführt und ermordet. „Dass so etwas neben uns passiert – man muss ich nicht wundern, dass dann das Medieninteresse so groß ist.“

Es handele sich um einen Ehrenmord, ein Mädchen, das nur glücklich werden wollte, wollte man nicht sehen. Die Familie konnte es nicht ertragen, mit diesem Zustand zu leben. Es sei zu keinem Zeitpunkt darum gegangen, nur mit Arzu zu reden. Sie hatte schon eine neue Identität und wollte mit der Familie nichts mehr zu tun haben.

Der Richter bezeichnete es ausdrücklich als gut, dass es die Medien und die Öffentlichkeit gibt, um in die Bevölkerung zu tragen, dass unsere Justiz die Taten, die Arzu erdulden musste, ahndet. Es sei keine Familienangelegenheit. Die Tatsachen sprächen eine deutlich andere Sprache.

Sirin habe sich als „hinterhältig freundlich“ herausgestellt. Sie habe so getan, als setze sie sich für ihre Schwester ein, hatte dann aber gedroht. Auch abgehörte Telefonate sprächen eine andere Sprache: „Ich ficke Dein Blut, die ist anders, die ist nicht von uns.“ Arzu war der Schmutzfleck der Familie.

Der Sachverständige Kizilhan habe den Druck ,der in und auf diesen Familien laste, überdeutlich und mit verständlichen Worten geschildert.

Die Familie habe nach antiquierten Traditionen gelebt. Als man der Familie Müller von dem Schwangerschaftstest, den man angeblich bei Arzu gefunden hatte, erzählte, konnten diese überhaupt kein Drama darin erkennen.

Die Geschwister hätten gedacht, sie müssten das Leid der Eltern lindern. Sirin sei die treibende Kraft in der Anfangsphase gewesen, aber es sei nicht darum gegangen, Arzu „den Kopf zu waschen“. Die von ihr erstattete Strafanzeige gegen den Vater und Osman war letztlich ihr Todesurteil.

Die Familie sei schon auf den Ehrverlust angesprochen worden. Also solle sich auch keiner wunder, wenn der Begriff „Ehrenmord“ gebraucht wird.

Man werde sich in einem derartigen Prozess der Begrenztheit der Möglichkeiten, die Wahrheit herauszufinden, bewusst. Es sei allerdings nicht Aufgabe des Gerichts, die Einlassung der Angeklagten zu widerlegen.

Sirin hätte beständig die Fäden in der Hand gehabt und sei regelmäßig die treibende Kraft gewesen, auch bei der Entführung. Es sei völlig unglaubhaft, dass sie danach nur noch unbeteiligt im Auto gesessen haben will. Die Angeklagten hätten beständig gemauert, man habe das Gefühl, das man alles nicht glauben könne.

Die Tatschilderung selber sei eine reine Märchenerzählung gewesen, eine Erzählung, die niemand glauben könne. Arzu sei von Osman schon früher so heftig vertrimmt worden, dass sie sicher keine „dicke Lippe“ riskiert hätte und ihn beschimpft hätte. Unglaubhaft sei auch, dass Osman alles allein gemacht hätte.

Allerdings könne man nur das verurteilen, was nachweisbar ist – dies sei bei Kirer und Sirin keine Mittäterschaft. Sie hätten aber mindestens psychische und moralische Unterstützung geleistet.

Arzu wurde ermordet, weil sie ein freies Leben führen wollte – dies muss erhebliche Strafen nach sich ziehen. Die Angeklagten kennen unserer Rechtsordnung und können sich bestimmt keinen „Kulturbonus“ erhoffen.

Wer das Urteil als zu hart empfinde, der sollte sich noch einmal die Lichtbilder von Arzu ansehen. Wer versuche, sich rauszureden oder meint, sich wegen der Öffentlichkeit nicht mehr sehen lassen zu können, der sollte sich klarmache, um was für eine Lappalie es sich handele, wohingegen Arzu tot sei.

Wenn gejammert wird, dass die jüngeren Geschwister in der Schule gehänselt werden, so ist dies nicht die Schuld der Lehrer, sondern die angeklagten Geschwister haben ihnen dies eingebrockt.

Auch der jesidischen Glaubensgemeinschaft habe man keinen Gefallen getan. Die Öffentlichkeit hätte sich gewünscht, dass diese sich deutlicher abgrenzt gegen diese Tat. Jegliches Selbstmitleid der Angeklagten sei völlig unangebracht.

Der Richter äußerte dann noch den Wunsch, dass die Angeklagten in der Haft hoffentlich zur Einsicht kommen würden. „Wer immer wegläuft, wird seine Taten nicht verarbeiten können.“

Der Haftbefehl für Elvis wurde außer Vollzug gesetzt. Er und Kemal konnten das Gericht verlassen. Elvis tat dies mit einem derartig breiten Grinsen, dass sich sämtliche Kameraleute ärgerten, dass sie ihn wohl verpixeln müssen. Selten konnte man wohl einen verurteilten Straftäter mit so fröhlicher Miene aus dem Gericht gehen sehen, der dann wohlwollend von den Angehörigen (übrigens auch die Angehörigen von Arzu) empfangen und begleitet wurde. Man hatte den Eindruck als feierten sie einen Helden und den Sieg über das System.

Dem Richter gebührt der Dank, dass er sich so deutlich und direkt geäußert hat. Der Begriff „Ehrenmord“ fiel in der Tat mehrfach.

Bleibt zu wünschen, dass dieses Urteil bei dem einen oder anderen Betroffenen zum Nachdenken führt. Es möge die Väter stärken, die versuchen, sich gegenüber der patriarchalischen Gesellschaft durchzusetzen, und ihren Töchtern ein selbstbestimmtes Leben erlauben. Das entgegengesetzte Verhalten wird von unserer Rechtsordnung geächtet, das hat das Gericht mit diesem Urteil deutlich zum Ausdruck gebracht.

Dank an Serap Cileli