Alle schelten das Kölner Landgericht wegen seines Urteils zur Beschneidung. Dabei haben sie es dort nur gut gemeint: Glaubt man den Vertretern der psychotherapeutischen Künste, kann schließlich schon eine Ohrfeige traumatische Folgen haben.

Es wird Zeit, dass man die Diskussion ein wenig „versachlicht“, um einen derzeit viel strapazierten Begriff zu nutzen. Man darf davon ausgehen, dass die Kölner Juristen über die harsche Reaktion selber erschrocken sind, schließlich haben sie im Sinn der Gewaltprävention gehandelt, die gerade bei Anhängern des sozial und ökologisch bewussten Lebens hoch im Kurs steht.
Tatsächlich ist das Urteil weniger Ausdruck eines antireligiösen Zeitgeistes, wie viele Kritiker nun vermuten: Es liegt vielmehr ganz auf der Linie der modernen Viktimologie, die vor langem ihr Reservat in der Rechtswissenschaft verlassen und Eingang in die Alltagspsychologie gefunden hat. Das ist ein kleiner, aber bedeutender Unterschied.

Dass gerade die Kindheit inzwischen weniger als Ort des unschuldigen Glücks, sondern vielmehr als Ort der Gefährdung gilt, ist dabei eine nahezu zwangsläufige Entwicklung. Schon eine Ohrfeige oder ein falscher Blick können heute eine Missbrauchsgeschichte begründen, die eine lange Reihe von Therapie- (und bei erfolgreicher Bewältigung dann auch Talkshow-Sitzungen) nach sich zieht.

Wer sich die Begründung der Staatsanwaltschaft durchliest, die den Kölner Fall ins Rollen brachte, stößt dort auf alle Alarmwörter, die man aus der Missbrauchspsychologie kennt. Von dem „Vertrauensverlust“, den das Kind durch den Eingriff erleide, ist die Rede; der Angst, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit „zu einem Trauma des Beschnittenen“ führe.

Kein Wunder, dass sich jetzt auch, mit etwas Verspätung, die sozialtherapeutischen Berufe eingeschaltet haben. Abhängig vom kindlichen Entwicklungsstadium seien bei den Kindern schwere Folgen bis ins Erwachsenenalter möglich, heißt es in einer Erklärung des Psychoanalytikers Matthias Franz, der sich über 600 Vertreter der heilenden Zünfte angeschlossen haben.

Wenn man die professionellen Helfer richtig versteht, hat die Praxis der religiösen Beschneidung schon heute Tausende Deutsche zu seelischen Krüppeln gemacht. Wer will den Kölner Richtern also verdenken, dass sie alarmiert waren, als ihnen ein Fall zur Entscheidung vorgelegt wurde, bei dem am Ende sogar eine Behandlung in der Notaufnahme stand.

Doch solange sich Menschen durch dieses Urteil in ihrer Kultur und in ihrem Leben bedroht fühlen und jaulen, als würde man ihnen das Schächtmesser an die Kehle setzen, und Forderungen nach absolut freier Religionsausübung nicht abreissen, solande werden noch ganz andere Riten im Namen der Religionsfreiheit gerechtfertigt und erlaubt.

Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!