Mit trister Regelmäßigkeit werden Menschen hierzulande Opfer von brutaler Gewalt. Die Justiz reagiert mit oft lächerlichen Strafen.

Am 10. März prügelte eine Gang den 25 Jahre alten Daniel S. im niedersächsischen Kirchweyhe ins Koma. Der mutmaßliche Haupttäter Cihan A., 20, war der Polizei als gewalttätig bekannt. Daniel S. starb vier Tage später. Er erlitt dasselbe Schicksal wie Jonny K., 20, der am 14. Oktober 2012 am Berliner Alexanderplatz ebenfalls von einer Migranten-Schlägerbande zu Tode getreten wurde. In beiden Fällen steht der Gerichtsprozess noch an. Anderswo wurde schon Recht gesprochen. Ein paar willkürliche Beispiele.

Gladbeck, Mai 2011: Auf einem Stadtteilfest drischt Erdinc K., 19, den 22jährigen Kevin S. ins Koma. Er erhält für seine Tat ein Jahr Bewährung.
Berlin, Juni 2011: Amir H., 19, Osman D., 18, und Mohammed el-S., 17, vergewaltigen auf einem Kinderspielplatz gemeinsam eine 20-jährige Frau. Sie werden dafür zu Bewährungsstrafen zwischen elf und 13 Monaten verurteilt.
Berlin, November 2011: Ali T. und Baris B., beide 21, greifen zwei Passanten an, Ali T. verfolgt danach den fliehenden 23-jährigen Giuseppe M., der von einem Auto erfasst und getötet wird. T. erhält eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten, ausgesetzt auf Bewährung.

Im Dezember 2011 verurteilt das Landgericht Hamburg Onur K., 19, zu zwei Jahren Jugendstrafe – auf Bewährung. Onur K. hatte den 44-jährigen Thomas M. um Geld angebettelt und ihn, als er sich weigerte, dermaßen mit Schlägen und Tritten traktiert, dass M. später im Krankenhaus starb.

Alle Fälle haben eines gemeinsam: Eine schwere Gewalttat ist geschehen, doch die Täter sind auf freiem Fuß. Was sind das für Richter, die diese Milde mit so enormer Härte gegenüber den Opfer und deren Angehörigen verbinden?

Bekanntlich ist der herrschende Zeitgeist der Täter-Resozialisierung verpflichtet. Man beruft sich auf Statistiken, die nahelegen, dass härtere Strafen nicht die Kriminalität senken. Doch selbst wenn es durch Milde gelänge, aus sämtlichen Kriminellen nette Nachbarn zu machen, wäre das keine Lösung, denn die Opfer und deren Angehörige müssen mit der Zumutung weiterexistieren, dass diejenigen, die ihnen untilgbaren Schmerz zugefügt haben, frei sind. Der Resozialisierungsgedanke gedeiht auf den Leiden einer stummen, traumatisierten Minderheit.

Die Nachsicht der Richter hat etwas Verräterisches. Es steckt in solchen Urteilen die Bitte um Schonung. Von den Opfern droht keine Gefahr, die Täter dagegen sind gefährlich. Eine postheroische Zivilgesellschaft bittet Gewaltverbrecher, im Gegenzug für richterliches Wohlwollen wieder lieb zu sein. Es ist zumindest nicht unwahrscheinlich, dass man diese Haltung von der anderen Seite her als Schwäche betrachtet.

Halten wir deshalb fest: Das seelische Befinden und die Zukunft eines Menschen, der einen anderen ins Koma oder zu Tode geprügelt hat, sind keinesfalls wichtiger als das seelische Befinden der Angehörigen des Erschlagenen. Es gibt Strafe nicht nur, um den Täter zu bessern, sondern auch um ihn leiden zu lassen, auf dass den Opfern und Opferangehörigen dadurch Genugtuung geschehe.

„Der Tod in Menschengestalt soll nicht umhergehen“, schrieb der Dichter Friedrich Hebbel. Wir haben uns darauf verständigt, dass auch Mörder und Totschläger die Möglichkeit haben sollen, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren. Dass sie dies oft nahezu straflos tun können, ist ein unglaublicher Skandal.
(MICHAEL KLONOVSKY)