Im Spätherbst, Wochenende, vielleicht 0.40 Uhr: Ich bin mit dem Fahrrad im Görlitzer Park unterwegs, auf dem Heimweg von der Oranienstraße Richtung Treptow.

Wie oft am Samstag ist der Park noch ziemlich belebt. Vorn am Café Edelweiß stehen Kneipengäste, Marihuana-Kundschaft und -Verkäufer. Seit mehr als 20 Jahren fahre ich durch den Park, auch nachts.

Am großen Fußballplatz taucht plötzlich eine Gruppe junger Männer aus der Dunkelheit auf. Es sind nicht dieselben, die hier dealen. Ich kann nicht sagen, ob ich die Männer übersehen oder sie sich hinter Bäumen versteckt haben. Ich erinnere mich nur, dass einer zu grölen beginnt und ich nach links auf den Grünstreifen ausweiche. Betrunkene, denke ich, nervig, aber unvermeidlich. In diesem Moment trifft mich ohne jede Vorankündigung von links ein Schlag ins Gesicht. Ich spüre den Unterkiefer krachen, das Gefühl, als hätte man mir einen Zahn ausgeschlagen. Der Sturz verläuft einigermaßen kontrolliert, dann beginnen die Männer auf mich einzutreten. Es fühlt sich an, als wären sie zu siebt oder acht, vielleicht sind es aber auch nur fünf.

Der Angriff kommt so unvermittelt, dass ich im ersten Moment denke, die Männer wollten mich umbringen. Ich erinnere mich an Fälle, bei denen Menschen einfach aus Lust an der Gewalt totgetreten wurden. Vor diesem Hintergrund bin ich erleichtert, als die Angreifer von mir ablassen und nach meinem Handy zu suchen beginnen. Während ich Blut spucke, ziehen sie mir Telefon und Portemonnaie aus den Taschen. Mit der Zunge spüre ich, dass zwischen zwei Zähnen eine Lücke klafft. Um nicht noch mehr Testosteron bei den Angreifern freizusetzen, verhalte ich mich ruhig und blicke den Männern nicht ins Gesicht.

Nachdem sie mit ihrer Beute abgezogen sind – ein zehn Jahre altes Handy, 30 Euro –, folgt ein zweiter Schreckensmoment. „Hey, Digger, komm mal her“, sagt einer der Männer in einem unpassend kumpelhaften Ton. Ich denke: Sie wollen mich, nachdem die Beute spärlich ausgefallen ist, noch ein zweites Mal verprügeln. Doch der Mann legt mir bloß das Portemonnaie auf die Parkbank – ohne Geld, aber mit Ausweisen und Karten. Sind sie im Nachhinein erschrocken über die Brutalität ihres Angriffs oder ist das nur ein Teil ihres Spiels? Das Vergnügen der Katze an der Ohnmacht der Maus.

Das Gefühl des Ausgeliefertseins hält auch nach dem Angriff an. Die 50 Meter entfernt sitzenden Zeugen – die Touristen, zwei Dealer auf einer Parkbank – halten sich von mir fern. Vielleicht haben sie nicht verstanden, was passiert ist, vielleicht haben sie keine Papiere und Angst, in etwas hineingezogen zu werden; vielleicht sind sie auch einfach nur gleichgültig. Ich schleppe mich nach Hause, meine Frau ruft die Polizei, die erklärt, dass man nichts unternehmen kann. Im Görlitzer Park seien zu viele Personengruppen unterwegs, wie sollte man da ohne Täterbeschreibung vorgehen? Immerhin schickt man einen Krankenwagen. Im Klinikum Neukölln warte ich fünf Stunden in der Notaufnahme, bis eine Ärztin mich untersucht; weitere zwei Stunden, bis ich geröntgt bin. Es ist mir schleierhaft, warum sich eine Gesellschaft, die nicht weiß wohin mit ihren Privatvermögen, kein funktionierendes Gesundheitssystem leistet.

Das Beunruhigendste am Überfall ist für mich nicht die Gewalt, sondern die Tatsache, dass ich unangekündigt angegriffen wurde. Wenn ich jederzeit damit rechnen muss, von anderen brutal attackiert zu werden, bleibt mir nichts als eine Verallgemeinerung der Angst. Dementsprechend ist mein Bedürfnis, die Gefahrenquelle einzugrenzen und ihr einen konkreten Ort zuzuweisen, groß. Doch hat das eine – die Gewalt – wirklich mit dem anderen – dem Drogenhandel – zu tun?

Meine Frau geht mögliche Zeugen suchen und befragt die meist afrikanischen Männer, die auf den Parkbänken herumsitzen. Den Überfall hat keiner von ihnen gesehen, aber ihre Antworten sind trotzdem erhellend. Sie hätten nachts auch Angst, sagt einer, es gebe Leute, die würden sie zusammenschlagen und ausrauben….Junge Männer aus Berlin.

Mich stören die Menschenansammlungen, Bauzäune, Müllberge, Touristengruppen, freilaufenden Hunde. Erstaunlich viele Bekannte erzählen, dass sie schon einmal zusammengeschlagen wurden. Offensichtlich gibt es zu viele Männer, die auf Gewalt und Erniedrigung anderer stehen.

Die letzten Jahre habe ich in Medellín  gelebt, einer Stadt, der der Ruf als „gewalttätigste Metropole“ der Welt anhängt. Dort trainiert man sich an, die Umgebung ständig nach Angreifern abzusuchen. Sobald Unbekannte auftauchen, wechselt man Straßenseite, Tempo, Richtung. Das Ergebnis ist allgemeines Misstrauen. Normale menschliche Beziehungen werden blockiert, die Stadt als sozialer Ort zerstört.

Dieser permanente Alarmzustand, den ich aus Kolumbien kenne, begleitet mich nun auch in Berlin.

Der Schrecken hält sich in Grenzen, aber die Freude an der Stadt ist weg. Das Schlimmste an der Gewalt ist, dass sie das Soziale zerstört.

Wer da wohl wen jeden Tag zusammen schlägt? Die Gauck’schen Sorgenkinder?   “Sorge bereitet den Deutschen auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben.”

Oder gibt es in Berlin grade eben jene Menschen, die schwarze Haare und eine dunkle Haut haben  und ausziehen um andere zu schlagen, zu treten und gar zu töten?

Doch eines sollte man auch der Berliner TAZ  Schriftsteller Raul Zelik, der Touristen mit Drogendealer gleichsetzt,

nicht vergessen: Wenn du bereichert wurdest, dann bist du selber daran schuld!