Von Bert Walther

-> Ganze 17 Sekunden soll der russische Kampfpilot über türkischem Staatsgebiet geflogen sein – im negativen Fall, wenn überhaupt. Just in der kurzen Zeit wollen türkische Behörden zehn Warnrufe an den Piloten abgesetzt haben. Und statt Abfangjäger aufsteigen zu lassen, die die fremde Maschine aus dem Luftraum hinausgeleiten, haben die Türken gleich geschossen. Erdogan und seine Strategen selbst werfen den Russen vor, sie hätten Turkmenen von der Luft aus beschossen, ein Brudervolk der Türken und vermeintliche Gegner des Assad-Regimes.

-> Da habe ich wieder was hinzugelernt. Vor einem Jahr hörte ich erstmalig von der Existenz von Jesiden im Nordirak und nun wird bekannt, dass im westlichen Syrien Turkmenen zuhause sind, obwohl Turkmenistan selbst weitaus östlicher liegt, am Kaspischen Meer und keinerlei Grenzen zur Türkei besitzt.
-> Es ist diese Unübersichtlichkeit, gepaart mit verschiedenen geostrategischen Interessen, die den Syrien-Konflikt so unüberschaubar machen und langwierig. Da glaubt der Wesen, mit Luftschlägen könnte das Ganze gelöst werden oder gar noch mit Bodentruppen. Letztlich wird das nur ein Ergebnis zeitigen: eine Verschlimmbesserung der Lage!

-> Wenn der Syrien-Konflikt wie eine Zwiebel enthäutet würde, ergäben sich viele kleine und große Konflikte als Teile dieser zu Tränen rührenden Frucht. Zuallererst handelt es sich um einen Stellvertreter-Krieg. Anfänglich einer zwischen Saudi-Arabien, dem Protegé der Assad-Gegner und irgendwie auch der Gotteskrieger des „Islamischen Staates“ und dem Iran, der Assad und seine Anhänger unterstützt. Im weiteren Verlauf hat sich dieser Stellvertreter-Krieg über die Region hinaus entwickelt zu einem solchen zwischen dem Westen und Russland.

-> Mit dem Eingreifen Putins auf der Seite Assads ergab sich eine Zäsur, in einem bisher wabernden Konflikt, der punktuell diesen Wüstenstaat erfasste, aber nicht durchgängig. Plötzlich wurden auf einmal auch zivile Opfer gezählt, allerdings nur, wenn die Russen aus der Luft bombardierten. Bei den Luftangriffen des Westens muss das Ganze medizinisch steril geschehen sein, ohne getötete Zivilisten. Anscheinend waren die so cleveren IS-Kämpfer so dämlich, dass sie in der Wüste irgendwie unter sich blieben, um ein ideales Ziel aus der Luft abzugeben. Es war einmal – Aber nun wollen wir diese Märchenstunde beenden.

-> Eines ist klar: Die Beteiligten haben letztlich nur eine Wahl zwischen Pest und Cholera, entweder auf der Seite Assads mitzumachen oder auf jener des „Islamischen Staates“. Eine dritte Kraft, wie es sich der Westen wünscht, gibt es nicht. Höchstens auf dem Papier jene in London, die die toten Zivilisten russischer Luftangriffe zählen, wie auch immer.
Alle Beteiligten werden mit Assad leben müssen – für eine Übergangszeit. Denn eines glaube ich schon, auch wenn die Russen natürlich ihren Verbündeten derzeit nicht fallen lassen, werden die Chefstrategen in Moskau mittelfristig an einem personellen Wechsel an Syriens Staatsspitze interessiert sein.

-> Und zum Schluss das Wichtigste: die Zivilisten, die den höchsten Blutzoll leisten. Die zivilisierte Welt muss die nötigen Gelder bereitstellen, um Flüchtlingslager um Syrien herum winterfest zu machen. Das ist nicht nur ein Gebot christlicher Nächstenliebe, sondern weitsichtig gedacht.

Denn wenn diese Menschen dort kein Überleben finden, werden sie zu uns kommen…