Focus zensiert seine eigenen heiklen Beiträge

Posted on Dezember 8, 2015 von

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Insider berichten: „Dürfen bei Lügen nichts sagen“: So ohnmächtig sind Dolmetscher im Asylverfahren


Vor 4 Tagen FOCUS Online
Im Asylverfahren spielen Dolmetscher eine wichtige Rolle. Zum Beispiel verlässt man sich auf sie, wenn es darum geht, ob ein Asylbewerber tatsächlich Syrer ist. Das Problem: Viele Dolmetscher, die solche weitreichenden Entscheidungen treffen, sind gar keine Profis. Und selbst die Profis stehen vor einem Dilemma: Sie dürfen nicht sagen, wenn ein Asylbewerber ihnen ins Gesicht lügt.

Über das Schicksal jedes Asylbewerbers in Deutschland entscheidet ein Gespräch: Nach der Anhörung entscheidet ein Sachbearbeiter des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge (BAMF), ob der Asylbewerber in Deutschland bleiben darf – oder ausreisen muss. Allerdings versteht der Sachbearbeiter meist kein Wort von dem, was der Asylbewerber berichtet. Dafür bestellt er einen Dolmetscher. Das Problem: Allzu oft sind das keine Profis, sondern Laien.

„Es gibt Leute, die zwei Sprachen sehr gut sprechen, die bilingual sind. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie gut von einer Sprache in die anderen dolmetschen können, sagt die Berliner Dolmetscherin Nahed Nasr-Steiner zu FOCUS Online. Im Asylverfahren könnten Fehler beim Dolmetschen jedoch weitreichende Folgen haben.

Fehler können drastische Folgen haben

„Wenn Fachwörter im Asylverfahren falsch übertragen werden, dann ist das ein Problem für den Asylbewerber. Es kann ein ganz falsches Bild entstehen“, so die Dolmetscherin weiter. Ihrer Einschätzung nach kann es durchaus sein, dass ein Asylantrag wegen solcher Fehler fälschlicherweise abgelehnt wird – oder fälschlicherweise durchkommt.

Um solche Fehler zu vermeiden, fordert der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), dass die Behörden nur professionelle Dolmetscher anstellen. „Viele Laien beherrschen oft die deutsche Sprache nicht hinreichend, kennen Fachbegriffe nicht und haben es nicht gelernt, neutral zu dolmetschen“, so BDÜ-Vizepräsidentin Monika Eingrieber zu FOCUS Online.

„Manche Asylbewerber fragen, was sie antworten sollen“

Aber die Laien sind auf dem Vormarsch: „Ich habe das Gefühl, dass das mit der wachsenden Anzahl an Flüchtlingen immer schlimmer wird“, so die Dolmetscherin und Orientalistin Salvane Al-Hassani zu FOCUS Online. Die Behörden bestellten lieber Laien, weil diese preiswerter sind als vereidigte Dolmetscher, vermutet Al-Hassani.

Die dolmetschenden Laien hätten aber oft nicht die nötige professionelle Distanz zu den Asylbewerbern. „Es kommt auch vor, dass Flüchtlinge den Dolmetscher fragen, was sie denn am besten dem Mitarbeiter antworten sollen, wenn dieser eine Frage stellt“, berichtet die Dolmetscherin. Eigentlich ist die Lage klar: Die Dolmetscher dürfen auf eine solche Bitte nicht eingehen. Für Laien sei eine solche Situation aber häufig „schwierig“, so Al-Hassani.

Noch schwieriger ist die Situation aber für den Sachbearbeiter der Flüchtlingsbehörde: Er muss sich darauf verlassen, dass die Dolmetscher wirklich nur dolmetschen – und keine Tipps geben, wie man am besten als Flüchtling anerkannt wird.

Der Dolmetscher darf nur dolmetschen – und nicht auf Lügen hinweisen

Glaubt man aber den Profi-Dolmetschern, sind die sogenannten „Entscheider“ oder „Anhörer“ oft selbst ein Problem – weil sie zu wenig Nachfragen stellen. „Wenn jemand sagt: Ich bin in Syrien geboren, spricht aber krass Tunesisch, dann darf ich das nicht sagen“, so Dolmetscherin Nahed Nasr-Steiner zu FOCUS Online. „Ich bin nur ein Ratgeber. Der Anhörer muss sich an den Dolmetscher wenden und ihn fragen: Ist der Dialekt wirklich Syrisch? Ich darf von mir aus nicht sagen: Der lügt.“

Selbst wenn dem Dolmetscher auffällt, dass der Asylbewerber historische Fakten über sein Heimatland verdreht, dürfe er darauf nicht hinweisen, so Nasr-Steiner. „Es sei denn, der Anhörer fragt. Aber das tun meiner Erfahrung nach die wenigsten.“

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