ZÄHLEN DIE TOTEN VON NIZZA ALS VERKEHRSTOTE?

Posted on August 8, 2016 von

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Eine gute Frage, ausnahmsweise in einem linksversifften Blatt:

Pilze essen ist viel gefährlicher als der Terror? Aha. Und was ist mit Leuten, die gar keine Pilze essen? Können die tief durchatmen?

Der Europäer, so steht es in der Zeitung, stirbt eher am Pilzgericht als durch den Terror. Das glaube ich sofort, mein persönliches Schicksal ausgenommen. Ich esse weder Maronen noch Riesen-Lorcheln. Außerdem wird dieser Tage oft betont, dass jährlich Tausende im Straßenverkehr umkämen. Die Gefahr, im Regio mittels einer Axt umfrisiert zu werden, sei dagegen gering. Gewiss ist auch diese Statistik korrekt. Aber was soll sie mir sagen?

Vielleicht: Attentäter müssten jedes Jahr ein Nine-Eleven veranstalten, damit es eine rechnerische Rechtfertigung gibt, sich ihretwegen mehr zu grämen als über die Unfallbilanz. Und selbst wenn talentierten Terroristen dies gelänge, könnte die Bundesregierung immer noch gegensteuern und die tröstliche alte Risiko-Relation wiederherstellen – durch Aufhebung der Gurtpflicht oder die Einführung von Tempo 100 vor Grundschulen.

Schon klar, das Land soll sich beruhigen. Tief durchatmen: Take it easy, und pass lieber auf, dass du beim Fensterputzen nicht von der Leiter fällst.

Mich spricht das leider gar nicht an. Mir ist nämlich auch so bewusst, eher von einem schlafenden oder versonnen vor sich hin masturbierenden Fernfahrer in ein Stauende geschoben zu werden, als dass mich ein Brummi-Dschihadist plattmacht. Dafür brauche ich weder Zahlenspielchen noch Anxiolytika. Erstaunlicher scheint mir die affenartige Geschwindigkeit, mit der gerade neue Normalitäten präsentiert werden.

Kommentatoren verkünden heldenhaft, Islamisten könnten bomben wie sie wollen, aber nicht „unsere Lebensweise“ ändern. Ich bin da altmodisch und lege eher Wert darauf, dass Mörder nicht morden wie sie wollen. „Angstforscher“ verbreiten auf allen Kanälen, die Deutschen würden mit der Zeit gelassener und sich daran gewöhnen. Wie an Haushaltsunfälle. Ich habe aber keineswegs die Absicht, mich zu gewöhnen. Abgesehen davon ist es faszinierend, dass diese Volksseelenklempner kaum je zum Diskurs über Gentechnik, Glyphosat oder Chlorhühnchen geladen werden. Schließlich ist auch dort nicht jede Aufwallung vernunftgetrieben. Das schreibe ich nur Wochen, nachdem wegen des Brexit die Welt untergegangen ist.

Im Grunde spricht ja nichts dagegen, die Dinge stocknüchtern bis herzlos ins Verhältnis zu setzen. Aber wenn rational, dann konsequent: Dann sollte man auch spornstreichs ins nächste Flüchtlingsheim marschieren – am besten eines, auf das gerade ein Brandsatz geworfen wurde – und verängstigte Bewohner darüber aufklären, dass man nicht nur durch Rechtsradikale umkommen kann, sondern auch infolge von Krankenhauskeimen oder einer querliegenden Fischgräte: Nazis sind schlimm, aber besser, ihr gewöhnt euch dran. Außerdem beträgt die Chance, sowieso irgendwann das Zeitliche zu segnen, exakt 100 Prozent.

Noch ein Fun-Fact zum Thema „Halb so wild“: Selbst in Kabul und Bagdad sterben mehr Menschen an Herzkasper und Krebs als durch Selbstmordanschläge. Schon gewusst? Warum hat nach Charlie Hebdo eigentlich niemand ganz sensibel erwähnt, dass Journalisten häufiger der Spirituose erliegen als einem Sturmgewehr? Weitere Beispiele gefällig? Nein? Gut. Dann nur noch eine Frage an alle Relativierungsakrobaten: Zählen die Opfer von Nizza als Verkehrstote?

 

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