Raus aufs Meer – und dann den Notruf wählen

Posted on Dezember 12, 2016 von

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Schleuser schicken zur Zeit mehr Afrikaner denn je auf hohe See. Es ist ein höllisches Spiel um Leben und Tod: mit Gummibooten, die nicht lange halten – aber mit der vagen Chance, per Satellitentelefon Hilfe rufen zu können.
Zu langen Überfahrten sind die zusammengeklebten Luftkissen chinesischer Produktion nicht imstande, außerdem haben sie auch zu wenig Treibstoff um weiter oder aber zurück an Land zu können. Die Boote treiben meist einige Stunden 20, 30 Kilometer vor der libyschen Küste. Ein Flüchtling, dem die Schlepper ein Satellitentelefon mitgegeben haben, setzt den Notruf ab, sobald internationales Gewässer erreicht ist. Die Nummer ist eingespeichert.

Immer häufiger sind es aber auch Freunde oder Angehörige der Bootsflüchtlinge, die aus den Niederlanden, Deutschland oder Italien den Notfall auf hoher See melden, und die italienische Küstenwache schickt Hilfe.

„Die Schleuser sind immer stärker profitgetrieben. Noch vor zwei Jahren waren ihre Boote aus dickem schwarzen Kunststoff, heute ist die graue Hülle dünn. Und sie drängen mehr als doppelt so viele Menschen auf die Boote.“ sagt Kapitän Pal Erik Teigen vom norwegischen Versorgerschiff „Siem Pilot“ , das zurzeit im Dienst der EU-Rettungsmission „Triton“ steht.

Kapitän Alessio Morelli ist seit mehr als zwei Jahrzehnten bei der italienischen Küstenwache. Er hat erlebt, wie sich in den Neunzigerjahren Albaner in Schrottschiffen nach Italien flüchteten, er half den griechischen Kollegen bei der Rettung schiffbrüchiger Syrer, und zahllose Male steuerte er mit frierenden Afrikanern an Bord den Hafen von Lampedusa an.

„Fragen Sie bloß nicht, was mein erfreulichster Einsatz war“, sagt Morelli. Er sagt: „Was wir jetzt erleben, übertrifft alles.“

Die Zahlen geben Kapitän Morelli recht. Seit Jahresbeginn haben mehr als 173 000 Menschen aus Afrika die Küsten Italiens erreicht – mehr als in allen zurückliegenden Jahren. Allein im Oktober zählte die Küstenwache 27 500 Migranten – so viele wie in keinem Monat zuvor. Die meisten der Geretteten stammen aus Nigeria, Eritrea und der Elfenbeinküste. Der Migrationsdruck kommt also aus Afrika.

Nach Angaben von Grenzschützern kostet die Überfahrt 800 bis 1000 Euro pro Person. Pro Boot verdienen die Schleuser also 100 000 Euro und mehr.

Dabei sind nicht sie es, die die Migranten nach Italien bringen. Den längsten Teil der Überfahrt lassen sie sich von Rettungsschiffen wie der „Siem Pilot“ abnehmen. Die Schiffbrüchigen zurück nach Libyen zu bringen kommt für die Retter nicht infrage. Rechtlich nicht, moralisch auch nicht. Viel zu gefährlich ist es in dem Bürgerkriegsland, für Flüchtlinge und für Helfer.

Die Europäer stecken in einem Dilemma, ihre Hilfsbereitschaft im Mittelmeer ist mit ein Grund dafür, dass die Schleuser die Boote jetzt so vollstopfen.

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