Heere von Besatzern fallen in unsere Städte ein.

Wir heißen sie willkommen, wir kleiden sie ein, wir ernähren sie. Spielt es da noch eine Rolle, dass sie nicht auf Panzern einrollen?“. 

Mit diesen Sätzen beginnt das im Sommer 2017 geschriebene Nachwort der Autorin für die vorliegende deutsche Übersetzung ihres Romans Die Moschee Notre-Dame anno 2048. Die Aussage wird manchen zusammenzucken lassen und ist doch nicht mehr als eine Zustandsbeschreibung. Jelena Tschudinowa stellt damit klar, daß ihr bereits 2005 veröffentlichter Roman kein ironisches Spiel sein soll, auch kein Austesten der Grenzen des im Westen noch Sagbaren, sondern eine Kampfansage.

Im Jahr 2048 nämlich neigt sich in Tschudinowas Fiktion eine Entwicklung ihrem Ende zu, die bereits in den 1970er-Jahren ihren Anfang nahm und sich seitdem nie verlangsamt hat: die Überfremdung Europas durch hauptsächlich moslemisch geprägte Einwanderer.

Das Frankreich des Jahres 2048 ist wie alle seine Nachbarstaaten ein erobertes Land im Staatenverbund „Eurabien“. Auf dem Land mögen noch viele Franzosen leben, aber die Eliten sind islamisiert, die Sicherheitsorgane unter Kontrolle gebracht und die gesamte Öffentlichkeit von fremden Bräuchen und neuen Regeln beherrscht.

Paris ist ein multikultureller Hexenkessel, in dem islamische Gruppensolidarität der wichtigste Garant für die persönliche Sicherheit ist und in dem Reichtum und Armut hart aufeinanderprallen. Kunst und Kultur sind aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Wer die Konversion zum Islam verweigert, kann in Ghettos außerhalb der Gesellschaft leben, ohne offizielle Repressionen, aber verarmt und schutzlos gegen kriminelle Übergriffe. Gelegentlich werden Razzien gegen Christen geführt. Wer Pech hat, wird vor die Wahl zwischen dem Übertritt zur Staatsreligion und dem Martyrium gestellt. Am Triumphbogen finden Steinigungen statt.

Dabei sind die Europa beherrschenden Moslems keineswegs untereinander einig: Verschiedene Glaubensrichtungen und auch national (Araber, Türken, Perser, Afrikaner) geprägte Identitäten bestehen nebeneinander; den Zusammenhalt scheinen hauptsächlich das vom Westen übernommene Wohlstandsstreben und die gemeinsame Unterdrückung der Einheimischen zu gewährleisten. Die innerislamischen Status- und Einkommensgefälle sind groß, von „sozialer Gerechtigkeit“ ist dieses System weit entfernt.

Tschudinowa läßt gegen diese Fremdherrschaft einen bunt zusammengewürfelten Widerstand aufmarschieren, den „Maquis“. Die Maquisards kämpfen in einem Kleinkrieg gegen die Besatzer, töten Beamte und islamische Geistliche, die besonders viel Schuld auf sich geladen haben.

Ihr Rückzugsort ist der weitverzweigte Pariser Untergrund. In die Grabkatakomben unter der Stadt, die die Moslems nicht zu betreten wagen, und die Teile des U-Bahn-Netzes, die die neuen Herrscher aus technisch-logistischer Überforderung stilllegen mußten, haben sich hunderte von Franzosen zurückgezogen. Von dort aus organisieren sie eine Guerilla, die angesichts der Übermacht des Feindes hoffnungslos scheint. Im Laufe des Romans eskaliert der Konflikt und wird zum Entscheidungskampf um das Schicksal der letzten Franzosen von Paris.

Als in Frankreich 2015 die dystopischen Romane 2084 – La fin du monde von Boualem Sansal (dt. 2084 – Das Ende der Welt) und Soumission von Michel Houellebecq (dt. Unterwerfung) erschienen, flatterte durch die journalistischen Blätterwälder der übliche inszenierte Skandal – vor allem das Buch von Houellebecq wurde als „Provokation“ und als islamfeindlich bewertet. Vor dem Hintergrund der am Erscheinungstag stattfindenden Morde an Redakteuren der linksradikalen atheistischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ wirkte der Roman wie ein Stich ins Hornissennest. Die Debatte versachlichte sich schnell. Daß das Buch totgeschwiegen worden wäre, konnte niemand behaupten. Die Gefahren durch eine weitere Ausbreitung des Islams in Europa waren in aller Munde, nur wenige Monate vor der Invasion sogenannter Flüchtlinge vornehmlich aus islamisch dominierten Weltgegenden.

Zu diesem Zeitpunkt war Die Moschee Notre-Dame schon zehn Jahre alt und in Frankreich bereits vor mehr als fünf Jahren in Übersetzung erschienen. In den ausbrechenden Debatten spielte das Buch dennoch keine Rolle, die prominenten Autoren nannten es nicht als Inspiration, obwohl zumindest wahrscheinlich ist, daß sie es kannten: Houellebecqs Roman spannt einen nahezu identischen Erzählrahmen auf, und Sansals Roman trägt die gleiche Anspielung auf George Orwells düstere Zukunftsvision 1984 im Titel wie Tschudinowas Fiktion.

Ob es nun Absicht war oder nicht: Die Meinungsmacher in Frankreich und anderswo taten aus ihrer Sicht gut daran, das aufrüttelnde Werk der Russin nicht, auch nicht durch Verriß, allzu bekannt zu machen. Denn wo politische Vorwürfe („Rassismus“, „Rechtsradikalismus“, „christlicher Fundamentalismus“) gegen den Algerier Sansal und den Atheisten Houellebecq ins Nichts laufen, sieht es bei der bekennenden Christin und Islamgegnerin Tschudinowa anders aus. „Solchen Leuten“ darf man aber bekanntlich in der westlichen Mediokratie „kein Forum bieten“.

Und in der Tat: Tschudinowa erlaubt sich keine liberalen Kompromisse. Unter anderem läßt sie ihre Figuren diskutieren, warum Gott zugelassen habe, daß ihre Heimat nach anderthalb Jahrtausenden christlicher Identität von einer anderen Religion überrannt wurde. Die Antwort richtet die Autorin an ihre gegenwärtigen Leser: Schon vor der Eroberung habe man Kirchen kaum mehr als Gotteshäuser, sondern eher als Museen gesehen. Vom Glauben abgefallen Priester und desinteressierte Gläubige bereiteten unbewußt den Boden für die Landnahme. Lediglich die radikalkatholischen Anhänger der Alten Messe um die Piusbrüder konnten, so Tschudinowas Vision, die Tradition weitergeben und standhalten. Sie stellen nun die letzten Priester.

Die Religion spielt eine Doppelrolle im Roman, als fremde Zumutung und als letzter Halt im Eigenen, nachdem Macht, Bräuche und Heimatrecht verloren gegangen sind. Die Katholiken in diesem Buch sind keine Eiferer, sondern in sich ruhende Kämpfer und Diener, die sich ihrer Sache und ihrer Selbst so gewiß sind, daß sie jeder Katastrophe trotzen.

So wichtig der christliche Glaube in seiner katholischen Form in diesem Roman auch ist: Er ist kein „katholischer Roman“. Eine der Anführerinnen des abendländischen Widerstandes ist eine kirchen- und glaubensferne Kriegerin jüdischer Herkunft; ein anderer Protagonist dient aus rein patriotischen und identitären Motiven.

Nebenbei erfährt der Leser, daß keineswegs ganz Europa erobert wurde. Polen, Griechen und Russen sowie unter der Protektion letzterer auch anderen Völkern ist es gelungen, mittels verschiedener Strategien die Islamisierung zu verhindern.

Daß Osteuropa und Rußland in einem russischen Roman eine besondere Rolle zukommt, ist nicht verwunderlich. Erstaunlich ist aber, wie kenntnisreich und nachvollziehbar Tschudinowa den west-östlichen Machtkampf der letzten Jahrzehnte in seinen verschiedenen Stadien in die Vorgeschichte der Romanfiguren eingeflochten hat. Die Kämpfe um Jugoslawien und später gegen Serbien, der tschetschenische Terrorismus und das Hegemoniestreben im Baltikum spielen ihre eigenen Rollen im Buch, wirken bis 2048 nach.

Jelena Tschudinowa ist nicht zuletzt eine realistische Erzählung gelungen, soweit das bei einer Zukunftsbeschreibung möglich ist. Das im Roman beschriebene Paris ist kein Schlachtfeld, in dem täglich Menschen auf offener Straße erschossen werden. Tschudinowa beschreibt die Stadt anhand vieler Details aus dem Alltagsleben der Bewohner als Raum der Anpassung. Franzosen, Einwanderer der dritten und vierten Generation sowie Invasoren der ersten Generation finden ihre Möglichkeiten, zu leben und aufzusteigen (die Moslems) oder zumindest zu überleben (die verbliebenen Christen in den Ghettos).

Gerade die immer wieder eingestreuten Einblicke in Lebensläufe – von der wohlhabenden Konvertitin der Oberschicht bis zum voodoogläubigen afrikanischen Arbeiter – und Einstellungen machen den Roman so glaubwürdig. Hier wird keine fremde Science-Fiction-Welt beschrieben, sondern aus der Wirklichkeit islamischen Lebens heute ein nicht unrealistisches Zukunftsszenario entwickelt.

Der Leser wird sich mit Unbehagen eingestehen müssen: Auch wenn manches überspitzt und pessimistisch wirkt, ist es doch aus demographischen Gründen nicht ausgeschlossen, daß die europäischen Metropolen in einigen Jahrzehnten so aussehen, wie es hier beschrieben wird.

Die Moschee Notre-Dame ist nicht nur ein thematisch interessanter Roman, sondern in gleich dreifacher Hinsicht bemerkenswert:

  1. Es handelt sich um eine in politisch-kulturkämpferisch Absicht geschriebene Erzählung, die trotzdem nicht zur Propaganda mißlungen ist. Ein so eindeutig mit innerer Anteilnahme auf einen Zweck hin verfaßtes Werk ist fast dazu verdammt, künstlerisch zu scheitern. Daß die Autorin ihren Stil nicht hat vom Pathos verderben lassen (abgesehen von ein paar Stellen nah am Kitsch, wenn es um die katholische Tradition geht), ist ihr hoch anzurechnen.
  2. Der Roman ist tatsächlich ein anspruchsvolles Stück Sprachkunst. Die Rückblenden auf andere Zeitebenen, sprachlichen Bilder, elegant in den Text eingeflochtenen Exkurse und Anspielungen sind durchweg gelungen. Der Stil der Autorin, durch eine Übersetzung hoher Güte vermittelt, muß sich im Vergleich mit den Erzeugnissen großer Verlage nicht verstecken.
  3. Das Buch ist ausgesprochen spannend geschrieben und kann damit auch Leser ansprechen, die an historischen oder theologischen Themen desinteressiert sind. Vor den großen Themen des Romans stehen mehrere Handlungsstränge um den Widerstandskampf und seine Attentate sowie die Vergangenheit einiger führender Kämpfer, voller Elemente der Kriminal- und Agentenliteratur sowie dramatischer Szenen. Selbst kleine übersinnliche Elemente hat die Autorin in die Handlung eingeflochten. So dürfte der Roman vielen unterschiedlichen Lesern gefallen.

Mit der Übersetzung ist dem kleinen katholischen Renovamem-Verlag ein Paukenschlag gelungen. Mögen nicht nur Katholiken ihn hören, sondern alle Leser, die das im Roman immer wieder betonte Credo nachsprechen können:

Wenn man erst einmal anfängt, Kompromisse einzugehen, wird man nie mehr damit aufhören“!